Struktur finden im Dschungel – Ein Überblick

Eine Geschichte braucht Struktur für eine Spannungskurve. Ein Szenenplan hilft. Doch welche Struktur ist die richtige? Welche garantiert einen guten Plot?

Alles eine Frage der Struktur

Eine Geschichte braucht einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss. Punkt. So haben wir das bereits in der Schule gelernt. Damit wäre eigentlich schon alles zum Thema gesagt. Warum tun wir (Neu-) Autoren uns dann so schwer, wenn es darum geht, unsere Geschichte zu planen? Weil wir es selbstverständlich so perfekt wie (im Augenblick) möglich machen wollen. Im Rahmen unserer Fähigkeiten natürlich. Denn mit jeder neuen Geschichte bekommen wir neue, wertvolle Erkenntnisse. Nichtsdestotrotz hilft es einem Schreibneuling ungemein, sich an einer bewährten Struktur entlangzuhangeln. Eine Rettungsleine, quasi. Sie bewirkt, dass man sich nicht allzu weit von der eigentlichen Aussage der Geschichte entfernt. Daher ist dieser Artikel auch mehr etwas für die Planer unter uns. Natürlich ebenso für den interessierten Laien. Aber auch unsere “Drauflos-Schreiber” sind natürlich herzlich eingeladen, weiterzulesen.

Alles nur Theater

Damit werden die meisten Leser schon einmal in Berührung gekommen sein. Es handelt sich um die klassische 3-Akte-Struktur. Die kommt schon in jedem Theaterstück vor. Voraussetzungen schaffen, Zuspitzen der Konflikte bis zum Höhepunkt und die Auflösung der Verwicklungen. Am Ende von jedem Akt gibt es einen Wendepunkt, der im nächsten Akt weiterbehandelt wird. Die Spannungskurve steigt bis zu Mitte des zweiten Akts stetig an, um dann langsam wieder abzufallen. Am Ende des dritten Aktes müssen sämtliche Fäden entwirrt sein. Der zweite Akt ist ungefähr doppelt so lang wie die beiden anderen Akte. Daher wird hier oft der zweite Akt in zwei Teile gegliedert und das Ganze dann eine 4-Akte-Struktur genannt. Im Endeffekt unterscheiden sich diese beiden Strukturen nur formal.

Raus aus dem Korsett

Manchmal erscheinen einem drei Akte einfach zu wenig. Schließlich hat man eine Menge zu erzählen. Was läge also näher, die Struktur der Geschichte auf fünf Akte aufzuteilen? Das gliedert sich wie folgt auf:

  1. Ausgangssituation
  2. Steigende Handlung mit Ereignissen, die das Unvermeidliche herauszögern
  3. Höhepunkt und unerwartete Ereignisse
  4. Fallende Handlung mit verzögernden Ereignissen
  5. Katastrophe, die zum Ende hin aufgearbeitet wird

Mit fünf Akten ist also eine größere Erzähltiefe möglich? Scheint so. Allerdings taucht hier nichts auf, was sich nicht auch in drei Akten unterbringen ließ. Nur die Struktur der Akte teilt sich anders auf.

Jetzt wird’s richtig differenziert

Viele schwören auf das 7-Punkte-System von Dan Wells. Dabei ist es auch nur eine Abwandlung der klassischen Struktur. Sieht aber wesentlich ausgereifter aus. Auf den ersten Blick jedenfalls. Fakt ist, dass auch hier keine neue Struktur erfunden, sondern auf bereits bestehenden Strukturen aufgebaut wird.

  1. Aufhänger: Ausgangssituation, die “normale” Welt
  2. Erste Wendung: Das Ereignis, das alles verändert
  3. Erster Kniff: Der Protagonist muss etwas unternehmen
  4. Mittelpunkt: Der Protagonist wird aktiv
  5. Zweiter Kniff: Alles versemmelt. Ist das jetzt das Ende?
  6. Zweite Wendung: Hurra, ich habe die Lösung!
  7. Auflösung: Geschafft!

Klingt professionell. Auf jeden Fall. Geht’s vielleicht noch ein wenig diffiziler? Aber natürlich!

Sind vielleicht Sequenzen die bessere Struktur?

Dieser Ansatz beruht auf dem Sequenzmodell der amerikanischen Filmindustrie, das von Frank Daniel entwickelt wurde. Die Schriftstellerin Alexandra Sokoloff hat es für die Struktur ihrer Romane adaptiert. Die Grundlage dieses Modells basiert auf der alten Methode, Filme in acht Sequenzen zu unterteilen, wobei das Ende jeder Sequenz offene Fragen aufwarf, um den Zuschauer im Kino zu halten, während der Vorführer die Filmrolle im Projektor wechselte. Das ist zwar heutzutage nicht mehr nötig, dennoch wird die Dramaturgie der meisten Filme immer noch in dieser Struktur abgebildet. Warum etwas Bewährtes ändern?

Aber es geht noch genauer!

Die Heldenreise von Joseph Campell. Viele werden noch nichts davon gehört haben. Aber sicher hat fast jeder schon einmal etwas gesehen oder gelesen, das die Struktur der Heldenreise aufgegriffen hat. Arielle, die Meerjungfrau, bedient sich dieser Struktur. Überhaupt der Großteil der Disney-Filme. Aber auch Filme wie Troja und E.T., Star Wars oder Bücher wie Stolz und Vorurteil und Harry Potter.

Wenn man im Netz sucht, scheiden sich anscheinend schon mal die Geister, wie viele Stadien die Heldenreise denn nun hat. Ich habe etwas von zwölf, dreizehn, fünfzehn, aber auch schon von siebzehn Stadien gelesen. Diese Unterschiede resultieren meines Erachtens daraus, ob man gewisse Punkte als Unterpunkte jeweiliger Stadien definiert, oder ihnen ein eigenes Stadium zuweist.

Die Aufteilung in zwölf Stadien gliedert sich in:

  1. Status quo
  2. Ruf des Abenteuers
  3. Verweigerung
  4. Begegnung mit Mentor
  5. Erste Schwelle
  6. Bewährung
  7. Vordringen
  8. Entscheidung
  9. Belohnung
  10. Rückweg
  11. Auferstehung
  12. Rückkehr mit Elixier

Die Stadien 1-4 und 10-12 spielen sich in der gewohnten Welt des Protagonisten ab, 5-9 in der ihm neuen, unbekanten Welt.

Save the cat!

Zum Schluss will ich auf keinen Fall Blake Snyder vergessen. Ursprünglich Drehbuchautor und Filmproduzent kam er ebenfalls auf die Idee, die Struktur und Dramaturgie seiner Drehbücher auf den Aufbau von Romanen anzuwenden. Das klappt nicht mal schlecht. Seine Grundlage ist die 3-Akte-Struktur, die in 15 sogenannte “Beats” aufgeteilt wird. Der Titel Save the cat kam von Snyders Überzeugung, der Held der Geschichte müsste auf jeden Fall etwas tun, das ihn dem Leser sympathisch macht. Womit macht man sich mehr Freunde, als etwas oder jemand Hilflosem zu helfen? Ein sympathischer Held ist einfach die Voraussetzung einer guten Geschichte.

  1. Eröffnungsbild
  2. Set-up
  3. Thema
  4. Katalysator
  5. Debatte
  6. Umbruch zu Akt 2
  7. B-Geschichte
  8. Versprechen der Prämisse
  9. Mittelpunkt
  10. Böse Jungs fallen ein
  11. Alles verloren
  12. Die lange, dunkle Nacht der Seele
  13. Umbruch zu Akt 3
  14. Finale
  15. Bild nach dem Finale

Wenn ihr euch für diese Struktur interessiert, empfehle ich euch Rette die Katze! Das ultimative Buch übers Drehbuchschreiben. Allerdings habe ich die deutsche Version selbst noch nicht gelesen. Wenn ihr über genügend Sprachkenntnisse verfügt, kann ich euch auf jeden Fall die englische Version ans Herz legen. Ich habe diese Struktur von Blake Snyder zwar nie umgesetzt, es schadet jedoch nicht, wenn man sich über alle Möglichkeiten informiert. Vielleicht ist gerade das der Geheimtipp für den ein oder anderen Leser.

Was denn nun?

Verwirrt? Wahrscheinlich. Welche Struktur ist denn jetzt die einzig Wahre? Das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Allerdings möchte ich folgende Erfahrung mit euch teilen: Haltet es einfach! Ich weiß, das klingt wenig ergiebig, aber es steckt wesentlich mehr dahinter, als man am Anfang vermuten würde. Auf was habe ich mich denn jetzt so eingeschossen? Ich nutze seit dem zweiten Buch die 4-Akte-Struktur, verfeinert mit dem 8-Sequenzen-Modell. Aber jede Struktur ist die richtige, wenn sie euch weiterbringt. Solange sich am Ende alles auf eine Formel herunterbrechen lässt: Anfang, Mittelteil und Schluss.

Ein Goodie zum Ende: Das Strukturmodell.

 

 

 

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