Der magische Stern der Handlungsverknüpfungen

Eine gute Story erzählt eine Geschichte, die den Leser fesselt und fasziniert. Aber welche Mechanismen greifen, damit das auch funktioniert? Sind es die Hoffnungen und Ängste des Protagonisten, die das alles am Laufen halten? Oder ist es doch eher der magische Stern der Handlungsverknüpfungen?

Der magische Stern der Handlungsverknüpfungen

Warum Verknüpfung so wichtig ist

Es sind die Figuren der Geschichte, die die Handlung vorantreiben. Sie arbeiten auf etwas hin. Auf ein hehres Ziel, den großen Gewinn oder auf ihren Seelenfrieden. Das kann alles Mögliche sein. Entscheidend ist, dass sie das glaubwürdig tun. Aber wie wird das, was der Charakter tut, glaubwürdig? Ich habe schon einmal etwas über die Hoffnungen und Ängste einer Figur geschrieben. Diese sind elementare Elemente der Handlung. Allerdings weniger für die Geschichte an sich, sondern für die Überzeugungskraft der Charaktere. Der Leser will mitfiebern und bangen, damit sein Held auch bis zum Ende durchhält. Das geht nur, wenn man diesen Helden auch dreidimensional gestaltet hat. Jedoch hat das mit der eigentlichen Qualität des Plots nicht viel zu tun. Der kann trotzdem Mist sein. Oder nicht so ganz rund, wie ich es lieber nenne.  Nichtsdestotrotz muss auch der Plot den Leser fesseln, nicht nur die Figuren. Dann habe ich meine Sache gut gemacht.

Ein Stern am Horizont

Aber wie gelingt mir das? Auf jeden Fall nicht, wenn ich mich hinlege und meine Gedanken spazierengehen lasse. Das klappt bei mir nicht. Das Einzige, was ich damit erreiche, ist ein gedankliches Chaos ohne Struktur und Sinn. Hin und wieder blitzt eine Idee auf, die aber schnell wieder im Orbit verschwindet, weil sie sich nirgendwo an einen anderen Gedanken klammen kann, um mit ihm weitere Gedanken auf die Welt zu bringen. Also sitze ich vor einem Blatt Papier oder stehe vor meinem Whiteboard, um diese Blitzlichter direkt aufzuschreiben und zu erkennen, wie sie miteinander verbunden werden können, am liebsten direkt mit den Figuren meiner Geschichte. Dabei fiel mir auf, dass sich so immer eine Art Stern bildete. Dieser Stern verbindet alle Charaktere meiner Geschichte und bestimmt ihre Interaktionen, aus denen sich die Logik des Plots herauskristallisiert. Ich nenne ihn meinen magischen Stern der Handlungsverknüpfungen.

Alles hängt irgendwie zusammen

Wie ist dieser Stern aufgebaut? Wie viele Verknüpfungen kann er darstellen? Oder besser: Wie viele sollte er darstellen? Am Anfang habe ich den Fehler gemacht, alles mehrfach mit allem verknüpfen zu wollen. Das ist an sich lobenswert, jedoch funktioniert leider in der Praxis weniger gut, zumindest bei mir. Ich verzettele mich nicht nur damit, sondern bin auch der Meinung, dass man seine Leser damit überfordert. Ich kenne auch solche Bücher. An sich fesseln sie mich, ich finde sie allerdings anstrengend zu lesen, da ich immer höllisch aufpassen muss, nichts zu übersehen. Das schränkt meinen Lesegenuss sehr ein. Bei einem Roman will ich mich erholen, sonst lese ich ein Sachbuch über Quantenphysik. Bei Handlungsverknüpfungen ist weniger mehr. Dabei hilft einem der Stern, da er nur eine festgelegte Anzahl an Verknüpfungen zulässt. Wichtig ist hier: Zwischen allen Charakteren nur eine einzige, und das reicht für einen Plot auch vollkommen aus.

Wie wird’s gemacht?

Ich schreibe die Namen der Figuren auf, die meine Geschichte voranbringen. Eine festgelegte Zahl dafür habe ich zwar nicht, aber ich empfehle, dass es nicht mehr als sechs sein sollen, sonst wird der Stern zu unübersichtlich. Außerdem tut es nichts für den Plot. Zu viele Charaktere wirken eher kontraproduktiv.

Stern der HandlungsverknüpfungenSelbstverständlich bildet mein Protagonist den ersten Knotenpunkt im Stern. Zu seiner Linken setze ich den Vertrauten, zu seiner Rechten seinen Sidekick. Auf die gegenüberliegende Seite platziere ich den Antagonisten und daneben seinen Helfer. In der Regel gibt es noch einen Einflussnehmer, der weder auf der Seite des Protagonisten, noch auf der des Antagonisten steht. Aber er ist ebenso wichtig für die Geschichte.

 

Nun kann man jedem Charakter im Stern einen Konflikt zuordnen, den er mit einem anderen Charakter hat. Das ist durchaus nicht grundsätzlich negativ. Es kann auch ein wichtiges Detail sein, das die Handlung nach vorne bringt. Ursache und Wirkung.

Die Guten ins Töpfchen – oder in den Stern

Der Stern visualisiert mir mögliche Handlungsverknüpfungen nicht nur dann, wenn mir absolut nichts einfallen will, sondern auch bei einem Zuviel an Ideen. Er bringt nicht nur neue Anstöße, sondern selektiert ebenfalls bestehende. Nicht alles, was mir einfällt, soll seinen Weg in meine Geschichte finden. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, alle Einfälle – auch die verrücktesten – ungefiltert aufzuschreiben, um sie dann an einer Stelle im Stern unterzubringen, wo sie mir passend erscheinen. Erfahrungsgemäß fülle ich damit nicht alle Handlungsverknüpfungen, aber der Stern zeigt mir sofort, wo etwas fehlt. Auf einer einfachen Liste würde mir das so schnell nicht auffallen. Das passiert dann erst während des Schreibens, wenn ich merke, dass ich in einem Plotloch feststecke. Das erspare ich mir, da ich vor dem ersten Entwurf erst gewissenhaft den Stern mit den Konflikten bestücke. Eine Erkenntnis, die mir bei meinem momentanen Projekt sehr zu Gute kommt. Hier stand zwar der erste Entwurf schon, allerdings schreibe ich die Geschichte auf einen anderen Protagonisten um. Daher fühlt es sich so an.

Wer hat’s erfunden?

Mein magischer Stern lehnt sich an die Typenlehre eines Strukturmodells an, das zur Beschreibung verschiedener Persönlichkeitsstrukturen dient – dem Enneagramm. Allerdings ist mir das erst aufgefallen, als ich nachforschte, ob es etwas Ähnliches wie meinen Stern schon gibt. Wie ich ihn zeichnete, kam er mir entfernt bekannt vor. Man erfindet offenbar nie wirklich etwas Neues. 🙂 Jedoch ist alles legitim, was einem hilft, packende Geschichten mit straffem Plot zu entwickeln.

Meine Leseempfehlung diesbezüglich ist das Drehbuch-Tool: Enneagramm 2.0 von Jens Becker. Er nützt das Strukturmodell zur Figurenentwicklung.

 

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