Show, don’t tell – und wie man es übertreiben kann

Selten wird von Autoren etwas so missverstanden wie das viel zitierte Show, don’t tell. Der Zwang, alles bis ins Tiefste zu beschreiben, ist schon wahnhaft.

Show, don't tell

Eingebläutes Wissen ist schlecht abzulegen

Die Tage las ich mal wieder einen Artikel, in dem der Leser mit freundlich mahnendem Zeigefinger darauf hingewiesen wurde, wie relevant Show, don’t tell für eine gelungene Geschichte ist. Natürlich wurde auch erwähnt, dass es durchaus Situationen gibt, an denen zu viel Show nicht angebracht ist. Dennoch konnte man dem Verfasser die rigorose Haltung zu diesem Thema anmerken. Natürlich gibt es Autoren, die offenbar von einem gelungenem Show noch nichts gehört haben. Zu viele übrigens, wenigstens für meinem Geschmack. Leider schlägt das dann gerne ins Gegenteil um und führt schon mal zu extremen Auswüchsen. Schließlich will man sich nicht nachsagen lassen, man hätte das mit dem Show nicht kapiert. Schließlich ist es immer DAS Thema der Schreibratgeber.

Die Mythos-Schublade aufräumen und alles mal relativieren

Es gibt jedoch auch Passagen, in denen Show, don’t tell völlig daneben, überfrachtet oder schlicht unpassend ist. Wenn z. B. jemand etwas über eine andere Person denkt. Das sollte kurz, knackig und schonungslos sein. Es ist eine subjektive Meinung und braucht dem Leser nicht noch extra ge-show-t werden. Das sind die einfachen Fälle. Die sieht in der Regel auch jeder ein. Gerne werden auch Spiegelszenen verwendet, um seinen Protagonisten zu beschreiben. Mal abgesehen davon, dass die immer ein wenig sehr bemüht aussehen, handelt es sich hier keineswegs um Show, sondern eher um ein Tell in Kostüm und Maske. Das sind Passagen, die den Leser im besten Falle ein wenig nerven, nicht aber unbedingt komplett abschrecken.

Warum Tell manchmal besser ist als Show

Die Fälle von Show, in denen ich am liebsten in das mir vorliegende Buch beißen würde, sind allerdings andere. Manchmal gewinne ich den Eindruck, der Autor ist der Meinung, mir mangele es an Vorstellungskraft. Wie sonst ist es zu erklären, dass ich erst zwei Seiten über das Heranrollen einer Welle lesen muss, bevor sie mich dann endlich mal überrollt? Da wünscht man sich den Tod ja quasi schon herbei. Nicht missverstehen: Ich rede nicht von einer atmosphärisch dichten Schreibweise, wie z.B. in den Büchern von Tana French, die diese in meinen Augen perfektioniert hat. Natürlich sprechen Kritiker hier auch oft über zu viel Show. Mag sein. Dafür jedoch auf einem konsequent hohen Niveau. Tatsächlich ertappe ich mich auch hier ebenfalls schon mal bei dem Gedanken, wann es denn nun weitergeht, aber die Sätze sind einfach zu schön. Man mag mir meinerseits jetzt Inkonsequenz vorwerfen, doch damit kann ich leben.

Wichtig ist nur, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann es einfach besser ist, nur zu schreiben: Die Welle überrollte mich.

Lust auf mehr schlechte Gewohnheiten beim Schreiben? Letzte Woche habe ich bereits über die Tropes des Schreibens berichtet.

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