Eigenheiten des Kuschel-Krimis: Die Figuren

Jedes Genre hat unterschiedliche Ansprüche ein seine Figuren. Welche Eigenheiten dürfen sie denn nun haben? Ich begebe mich auf bislang unbekanntes Terrain.

Eigenheiten

Der Kampf mit den Eigenheiten eines neuen Genre

Als A.C. Scharp war eines auf jeden Fall klar. Die Eigenheiten ihrer Figuren mussten so ausgeprägt wie möglich sein. Auf gut deutsch bedeutet das nicht anderes als: je durchgeknallter desto besser. Für mich als Agnus in meinem neuen Genre Kuschel-Krimi – oder Cozy Mystery – wäre so etwas tödlich. Tod ist zwar genau das, worum es hier geht, ich sollte allerdings nicht sofort den Erfolg meines neuen Genres erschießen. Ein bisschen Kauzigkeit wird da zwar erwartet und auch begrüßt, die Eigenheiten der Figuren sollten aber nicht zu übertrieben gezeichnet sein. Welche Eigenheiten sollten meine Amateurdetektive denn nun haben? Was funktioniert gut beim Leser?

Nicht jeder mag alles

Wer ist meine Zielgruppe in diesem Genre? Darüber musste ich mir auf jeden Fall erst einmal klar werden. Die Kuschel-Krimis werden überwiegend von Frauen über 30 gelesen. Also mögen sie Figuren, mit denen sie sich identifizieren können. Was heißt das jetzt konkret für mich? Meine neue Heldin wird knapp unter 30 sein, was ich noch als lässlich betrachte. Über 30 würde nicht mit ihrer momentanen Lebenssituation zusammenpassen. Ob sie dennoch angenommen wird? Wir werden sehen. Einfacher habe ich es dann schon bei ihrem Helfer. Der ist älter. Dafür hat er eine Eigenheit, die hoffentlich nicht als k.o.-Kriterium gilt:

Hilfe! Er ist ein Mann!

Hercule Poirot war auch ein Mann, das weiß ich natürlich. Miss Marple dafür eine Frau. Beide mit ihren ganz speziellen Eigenheiten. Das war halt Agatha Christie. Die Queen of Crime konnte sich einen Mann als Ermittler erlauben. Allerdings sind die meisten Amateurdetektive weiblich. Weil die vorwiegend weibliche Leserschaft halt eben gerne was über andere weibliche Wesen liest, die ihr irgendwie ähnlich sind. Die Leserinnen möchten sich mit ihrer Heldin und ihren Eigenheiten identifizieren können. Wie konnte das nur bei Hercule Poirot klappen? Vielleicht, weil er ein gut situierter, gebildeter Junggeselle war, der als möglicher Heiratskandidat durchging? Wer weiß. Da meine Protagonisten als Ermittler-Duo auftreten, denke ich, es wird trotzdem hinhauen.

Eigenheiten? Aber bitte nur “light”!

Perfekt ist langweilig. Das gilt für jedes Genre. Aber nicht in jeder Konzentration. Bei einem Kuschel-Krimi erwartet der Leser durchaus Eigenheiten der Figuren, die sollten aber nicht so stark sein, dass er sich darüber Sorgen machen muss. Denn er will schließlich gemütlich ermitteln. Ein ausführliches Psychogramm der Figuren lässt die Geschichte ins Dramatische abgleiten, das zwar z. B. für Thriller taugt, hier aber fehl am Platz ist. Der Leser möchte sich einfach nur in der Erkenntnis suhlen, dass seine neuen Helden ebenso wenig perfekt sind wie er selbst. Eigenheiten machen sympathisch und identifizierbar. Eine lange dunkle Nacht der Seele nicht. Wer will schon einen Spiegel der vielleicht eigenen Unzulänglichkeiten vorgehalten bekommen, wenn man damit beschäftigt ist, einen Mörder zu überführen?

Hauptsache vernetzt

Die Amateurdetektive in Kuschel-Krimis sind keine einsamen, verbitterten Eremiten. Sie leben nicht abseits der Zivilisation, weil sie mit anderen Menschen nichts zu tun haben wollen. So könnten sie höchstens den Mord an einem Eichhörnchen aufklären. Natürlich auch einen Täter finden, wenn sie die nötige berufliche Befugnis haben. Als Kommissar darf man Leute verhören. Als Amateurdetektiv nicht. Da ist man darauf angewiesen, was die Menschen einem freiwillig erzählen. Dafür benötigt man solche Eigenheiten wie Kontaktfreude und soziale Kompetenz. Das sind eigentlich zwar Eigenschaften, aber ich halte sie ausschlaggebend für dieses Genre. Daher zählt sie für mich zu den wichtigen Eigenheiten.

Gier, Neid, Rache und blinde Leidenschaft funktionieren immer

Natürlich (hoffentlich) nur Eigenheiten des Gegenspielers, dem Antagonisten. Und gleichzeitig sein Motiv. Der Mord muss ja aus irgendeinem Grund begangen werden. Ein Mord, höchstens zwei. Drei halte ich schon für kritisch. Ich will schließlich keinen Serienkiller erschaffen. Serienkiller sind nicht gemütlich. Sie sind in der Regel Psychopathen. Eindeutig nicht gemütlich. Obwohl es mehr Psychopathen im eigenen Umfeld gibt, als man vielleicht vermuten würde. Sie gehören jedoch nicht in einen Kuschel-Krimi. Der Leser soll sich nicht gruseln, er soll gefahrlos unterhalten werden. Das bedeutet, dass sogar der Mörder in der Lage sein sollte, die Sympathie des Lesers zu wecken. Daher braucht der Mord Eigenheiten, die jeder nachvollziehen kann. Und so traurig es ist, in Gier, Neid, Rache und blinder Leidenschaft findet sich jeder irgendwie wieder.

Ein würdiger Gegner

Entweder gehört der Mörder schon der Gemeinschaft an, in der sich der Protagonist befindet, oder er stößt kurzfristig dazu. Es berührt den Leser weniger, wenn er ein komplett Fremder ist, der erst am Ende enttarnt wird. In meiner neuen Geschichte gehört er bereits dazu. Ansonsten kann ich hier seine Eigenheiten ziemlich frei gestalten. Männlich oder weiblich, egal. Aber nicht jugendlich oder jünger, sonst wird die Geschichte dann doch wieder zu tragisch. Alt, reich, arm, hoch angesehen oder gehasst. Alles möglich. Er muss rund sein, mit guten und schlechten Eigenschaften. Ebenfalls sollte er mindestens so clever sein wie die Hauptfigur(en). Sonst haben meine Amateurermittler einen unfairen Vorteil, den der Leser nicht gutheißen wird. Es soll ja bis zum Schluß spannend bleiben.

Die Unterstützer und ihre Eigenheiten

Eine große Familie ist hilfreich in Kuschel-Krimis, aber kein Muss. Allerdings gibt die Vielzahl der Beziehungen realistischere Möglichkeiten, die Nase in Mordermittlungen zu stecken. Das Familienleben sollte aber nicht ernsthaft dysfunktional sein. Also bitte keinen Missbrauch oder andere Art von Gewalt. Ansonsten ist so ziemlich alles möglich. Ich habe mich in meinem Fall gegen eine große Familie entschieden, da ich meine Amateurdetektive auf eine andere Art an ihre Fälle kommen lassen will. Mehr wird hier natürlich noch nicht verraten.

Hilfreich ist es auch, wenn sie Kontakt mit Jemandem haben, der in der Lage ist, hilfreiche interne Dinge herauszubekommen. Ein Polizist, ein Computerhacker oder Reporter. In meiner neuen Geschichte wird es so etwas geben. Was er/sie genau für eine Rolle einnehmen wird, habe ich noch nicht endgültig entschieden. Ein Teil des Charmes eines Kuschel-Krimis ist der Dialog zwischen ihm/ihr und dem (den) Protagonist(en). Überhaupt ist der Dialog eine der wichtigsten Eigenheiten in einem Kuschel-Krimi. Die ganze Ermittlungsarbeit darf nicht nur im Kopf stattfinden. Langweilig! Daher sind Charaktere unerlässlich, mit denen meine Ermittler sich austauschen können.

Auch eine Serie braucht Eigenheiten

Selten ist ein Kuschel-Krimi eine einmalige Angelegenheit. In dem meisten Fällen mutiert eine Anfangsidee zur Serie. Einfach, weil der Ermittler ein sympathischer Zeitgenosse ist, dass man ihn auf keinen Fall zu schnell gehen lassen will. Anders als bei den Büchern von A.C. Scharp. Zwar taucht hier und da ein bekannter Name auf, aber auf die jeweilige Person wird nicht im Detail eingegangen. Cozy Mystery allerdings lebt von diesen wiederkehrenden Charakteren. Wahrscheinlich, weil sie dem Leser das Gefühl vermitteln, schon von Anfang an mit dem Geschehen verwurzelt zu sein. Natürlich kommen nicht alle Charaktere in jeder Folge vor. Aber gerade wenn der Auftritt eine Weile her ist, ist es wichtig, dem Leser Wiedererkennungswerte zu liefern. Auch wiederkehrende Figuren müssen ihre Eigenheiten habe. Selbstverständlich dürfen die sich – wie auch das grundsätzliche Äußere – nicht nennenswert ändern. Jeder darf eine Angewohnheit ändern, jedoch nur, wenn das für den Verlauf der Geschichte dringend nötig ist. Sinnvoll ist, eine Tabelle anzulegen, in der man alles Relevante festhält. So hat man Gewissheit, dass die Figur nicht nur auf einmal grüne statt blaue Augen hat, sondern auch ihre Eigenheiten sich nicht plötzlich ändern.

Ich bin natürlich noch meilenweit von einer Serie entfernt, trotzdem glaube ich, dass man hierfür die Weichen schon ab der ersten Geschichte stellen muss, damit es am Ende auch funktioniert. Ich bin gespannt. Ihr auch?

 

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